Giftgas – deutsch

Wolfgang Sofsky
Giftgas – deutsch

Warum beteiligt sich Deutschland (mit Zustimmung der großen Bevölkerungsmehrheit) nicht an den Luftschlägen der Entente: (USA, GB, F)?

  1. Weil die deutschen BW-Tornados oder andere Flugobjekte sich mangels Ersatzteilen und Munition gar nicht in die Lüfte erheben können.
  2. Weil wir – als Deutsche – schon soviel „Drecksarbeit“ verrichten, daß nun auch mal die anderen wieder dran sind.
  3. Weil verbale Unterstützung auch schon was wert ist. Unsere Freunde und Alliierten sind immer ganz langmütig. Sie erwarten von den Deutschen – Gottseidank – sowieso nichts.
  4. Weil die deutsche Kernkompetenz in der Außenpolitik in Diplomatie, guten Worten und – vor allem – der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen besteht. Sonst gibt es immer eine internationale Institution, die zuerst zuständig ist: die UN, die EU, das Rote Kreuz, die Schweiz. Man kann die deutsche Kernkompetenz schon an der Körpergröße der maßgeblichen Politiker(innen) erkennen. Sie sind so klein, daß sie sich überall verstecken können.
  5. Weil die Deutschen es sich mit Putin und Assad nicht verderben sollten, wegen der Abhängigkeit vom russischen Gas (nicht Giftgas) z.B..
  6. Weil der Donald an allem schuld und obendrein ein dummes Schwein ist.
  7. Weil des Angriff mit Giftgas nur „mutmaßlich“ war. Vermutlich haben irgendwelche Djihadisten einen Helikopter in Beirut gemietet und die mutmaßlichen Faßbomben mutmaßlich selbst abgeworfen. Oder die Toten haben sich selber erstickt – mutmaßlich.
  8. Weil letztlich die Israelis dahinter stecken. Die stecken sowieso hinter allem.
  9. Weil man sich mal nicht so haben soll. Das bißchen Giftgas mit ein paar Dutzend Toten. Da konnten wir – als Deutsche – doch früher ganz anders mit Gas umgehen. Man denke nur an Ypern, Chelmno oder Sobibor. Außerdem haben wir – als Deutsche – das Giftgas schließlich erfunden. Warum sollten wir dagegen was unternehmen.

© WS 2018

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Simone Martini: Geistesabwesenheit

Wolfgang Sofsky
Simone Martini: Geistesabwesenheit

Denkt er nach oder denkt er nicht nach? Schläft er oder träumt er? In welchem Geisteszustand ist der heilige Bischof Martin von Tours? Er sitzt auf einem Klappstuhl, auf dem zuvor schon der Kaiser gesessen hat, stützt den Kopf auf den Rücken der rechten Hand und hat die Augen geschlossen. Ist er gar von Melancholie befallen, oder von einer lähmenden Traurigkeit ob des Weltzustands? Ganz hat er sich aus der Welt zurückgezogen. Die Hand des Geistlichen auf der Schulter scheint er nicht zu spüren. Das Meßbuch, das ihm ein anderer entgegenhält, sieht er nicht. In wenigen Minuten soll er die Messe lesen, die Gläubigen warten schon. Doch er ist nicht mehr da. „Meditation“ hat man dieses Fresco von Simone Martini in Assisi genannt, doch ist es eine Meditation, wenn der Geist abwesend ist, die Haut nichts spürt, das Auge nichts sieht, Sinne und Verstand mithin abgeschaltet sind und Pflicht und Moral vergessen sind? Es ist auch keine Zwiesprache mit einem höheren Wesen zu erkennen, keine innere Sammlung, kein innerer Dialog, keine Versenkung in sich selbst oder ins vermeintlich Unendliche. Man muß nicht glauben, daß jemand, dessen Geist offenbar abwesend ist, seinen Geist andernorts, im Innern „sammeln“ würde. Einen Gedanken hat, wie man weiß, ohnehin noch niemand gesehen. Womöglich sollte sich der Betrachter dieses Denkbildes eingestehen, daß es innere Zustände gibt, in denen nichts geschieht, daß es ein Innenleben geben kann, in dem nur Leere herrscht. Auch Heilige sollen ab und zu in diese Leere geraten. Man kann nicht sagen, daß der Bischof in dem anderen Zustand unglücklich aussehen würde.

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Simone Martini – Mißklang

Wolfgang Sofsky
Simone Martini – Mißklang

Daß der Flötenspieler seinen beiden Instrumenten Töne entlockt, die das Ohr des Hörers erfreuen, ist wenig wahrscheinlich. Angetreten zur Investitur des Heiligen Martin zum Ritter, hat er sich mit hohem Hut und Prachtgewand herausgeputzt, das nicht recht zum Anlaß passen will, soll der fromme Rittersmann von nun an nur noch gegen das Böse kämpfen. Alle Aufmerksamkeit zieht er auf sich und lenkt sie damit von dem Heiligen ab. Auch seine Mißtöne lenken von dem heiligen Ritual ab. Die anderen Musikanten indes fügen sich der Situation. Fröhlich singen zwei das Loblied zur Preisung des Martin; die Finger des Chitarra-Spielers finden die rechten Töne auf dem Griffbrett. Zu einem Ensemble finden die vier Musikanten schwerlich zueinander. Wer aber ist der Flötenspieler, ein später Nachfahre des Marsyas, der den Lyraspieler Apollon keck mit sinnlicher Flötenkunst herauszufordern wagte und dafür von dem blonden Gotte gehäutet wurde? Aber Marsyas betörte die Welt mit famosem Verführungsklang und wurde dafür bestraft. Das Instrument des Pfeifers indes besitzt mehr Grifflöcher, als seine Finger jemals bewältigen könnten. Zur Wahrung des Gleichgewichts muß er den kleinen Finger der rechten Hand als Stütze benutzen. Oder verkörpert er den Dämon des Luxus, der Seelenverderbnis, der auf seine Chance lauert? Aus leichten Schlitzaugen blickt er den Betrachtern direkt ins Gesicht, als suchte er sich sein nächstes Opfer? Oder ist in dem Spielmann ein arglistiger Zauberer gegenwärtig, ein Magier, ein Teufel, der die heiligen Zusammenkunft nutzt, um mit Mißtönen dazwischen zu quäken? Bläst er gar aus doppeltem Rohr das Gift seiner heidnischen Teufelsseele in die Welt hinaus, während alle die Arglosen an das Heil des guten Ritters glauben? Das Ausblasen der Seele ist für Lebewesen, denen die Götter den Odem eingehaucht haben, immer eine fatale, unheilträchtige Beschäftigung. Doch wenn die Seele nicht nur durch zwei Rohre gleichzeitig strömt, sondern auch durch die freien, unschließbaren Grifflöcher, dann ist, was die Musik anlangt, die Grenze zum Bösen überschritten. Mißklang, Dissonanz, häßliche Luft, so spielt der Teufel, während alle anderen sich in Harmonien zu ergehen wünschen. So hat Simone Martini den Fürst der Welt inmitten des Heiligtums, der Martinskappele in Assisi an die Wand gemalt.

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Simone Martini – Mißmut

Wolfgang Sofsky
Simone Martini – Mißmut

Wie Simone Martini wirklich ausgesehen hat, wissen wir nicht. Manche vermuten sein Gesicht in einer Figur, die halb mißmutig, halb ungläubig das Wunder des wiederauferweckten Kindes betrachtet, in der Martinskapelle in der Unterkirche von Assisi. Die Mundwinkel sind herunter-, die Augenbrauen hochgezogen, als könnte er nicht glauben, was er da zu sehen bekommt. In diese Einstellung dürften Zeitgenossen häufig geraten, wenn sie die Zeitläufte ihrer jeweiligen Gegenwart betrachten. Was wie Wunder und Hoffnung aussieht, erweist sich regelmäßig als Trugbild, und was immer vor sich geht, gibt keinen Grund zu aufgehellter  Stimmung, zumal der Wunder weiterer Übel keine Grenzen gesetzt scheinen.

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„Kontingente“

Wolfgang Sofsky
„Kontingente“

Fahrstuhl: zulässiges Gesamtgewicht: 8 Personen
Lastenfahrstuhl: zulässiges Gesamtgewicht: 20 Personen
Personenkraftwagen: zulässige Personenzahl: 5
Lastkraftwagen: zulässiges Gesamtgewicht: 5 Tonnen
Gefängniszelle: zulässige Belegzahl: 2 Personen
Zwangsjacke: 1 Person
Mülleimer: 1 Person
2 Mülleimer: 2 Personen
Kinosaal: zulässige Besucherzahl: 250 Personen
Stadion: zulässige Besucherzahl: 45699 Personen
Fähre: zulässige Passagierzahl: 850 Personen
Flugzeug (747-100): maximale Sitzplätze: 550
Frachtflugzeug (747-8F): maximale Frachtkapazität 134 Tonnen
Orbiter (Columbia): 7 Personen
Deutschland: 200.000 Fremdlinge (pro Jahr)
Evangelische Kirche (D): begrenzt (nur die gutgesinnten Sünder)
Katholische Kirche (D): begrenzt (nur die gutgesonnenen Sünder)
Himmel: begrenzt (nur die Guten)
Hölle: unbegrenzt

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Laster – Inhaltsverzeichnis

Neu: Wolfgang Sofsky: Laster. Gesichter der Unmoral – Inhalt

br., 258 S., 24 SW-Abb., 14,80 €
CreateSpace Independent Publishing Platform, London/Leipzig/Wroclaw 2018
erhältlich bei amazon.

Wer vom Guten reden will, darf vom Bösen nicht schweigen. Wer aber vom Bösen sprechen will, der muß zuerst die Untugenden, Laster und Frevel verstehen, welche dem wahrhaft Bösen vorausgehen. Dennoch ergibt sich das Gute keineswegs aus der Abwesenheit des Bösen. Die Menschen hätten noch keine einzige Tugend erworben, wenn sie sich aller ihrer Laster entledigt hätten. Aber die Welt wäre erträglicher, wenn sie auf einige Unsitten, Untaten und Sünden verzichten würden. Manche Wege zum Bösen wären versperrt, würden sie sich von ihrer Gleichgültigkeit, Trägheit und Feigheit, ihrer Torheit und Hoffnung, ihrem Hochmut und ihrer Unterwürfigkeit verabschieden. Die Kritik der Laster hilft zu verstehen, was Menschen tun, empfinden und erleiden, wenn sie unmoralisch sind.

Inhalt

1. Im Garten des Bösen: Entlastungen – Ursachen? – Stufen der Unmoral – Haltung und Charakter.

2. Gleichgültigkeit: Stumpfsinn – Desinteresse – Nebeneinander – Aktive Indifferenz – Spende und Alarmruf

3. Vulgarität: Anpassung nach unten – Lob der Höflichkeit – Rüpel, Pöbel, Grobian

4. Trägheit: Phantasie und Willensschwäche – Kollektive Trägheit – Faulheit als Stigma – Stellvertretung, Organisation, Demokratie

5. Selbstmitleid: Egozentrismus – Trauer und Mitleid – Selbstgerechtigkeit – Soziale Sackgassen – Vergleiche, Opferrivalität

6. Feigheit: Mut und Kleinmut – Ängstlichkeit – Mitläufer – Unentschlossenheit – Harmoniesucht – Lob des Streits                                                   

7. Torheit: Verlust der Wirklichkeit – Selbstsucht – Verleugnung, Leichtsinn, Wankelmut – Wehmut, Hoffnung – Törichte Mehrheit

8. Starrsinn: Borniertes Denken – Moralischer Fanatismus – Ritualismus – Rechthaberei – Dogmatismus

9. Habgier: Soziale Todsünde – Beute, Jagdfieber – Wachstum – Rivalität, Ausbeutung

10. Geiz: Verzicht, Versagung – Soziale Dürre – Askese und Bescheidenheit – Sparsamkeit

11. Maßlosigkeit: Verschwendung, Luxus, Konsum – Wunschzwang – Zeit der Verschwendung – Das Fest

12. Neid: Vergleich – Phantasien, Einsamkeit – Eifersucht – Schimpfklatsch – Ehrgeiz und Wettbewerb

13. Ungerechtigkeit: Empörung – Soziale Gerechtigkeit – Brüderlichkeit, Gleichheit – Verteilung, Vergeltung – Vertragsbruch, leere Versprechen – Soziale Schulden – Undankbarkeit, Schmähung – Politische Gerechtigkeit?

14. Geltungssucht: Reviere der Eitelkeit – Aufwärts! – Strategien des Dünkels – Prestige der Dinge – Niederlagen

15. Hochmut: Säkularisierung der Hybris – Selbstfixierung – Arroganz, Macht – Die Auserwählten – Kollektive Hybris

16. Unterwürfigkeit: Moderne Devotion – Selbstentwertung – Demut, Eifersucht – Kriecherei und Konkurrenz

17. Zorn: Wut oder Zorn – Anlässe, Ärger – Affekte der Feindseligkeit – Eindämmung – Protestmasse, Lynchmob

18. Hinterlist: Gefilde der Heimtücke – Rationalität der Arglist – Verstellung – Lüge – Verschweigen, Verführung – Verleumdung, Verschwörung – Verrat

19. Grausamkeit: Totale Überwältigung – Kreativität – Feigheit, Terror – Zeit und Raum – Folter – Fronarbeit – Schändung, Marter – Massaker

20. Inferno

21. Abbildungen

22. Literatur

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Neu: Laster. Gesichter der Unmoral

Neu: Wolfgang Sofsky: Laster

Soeben erschienen:

br., 258 S., 24 SW-Abb., 14,80 €
CreateSpace Independent Publishing Platform, London/Leipzig/Wroclaw 2018
erhältlich bei amazon.

Wer vom Guten reden will, darf vom Bösen nicht schweigen. Wer aber vom Bösen sprechen will, der muß zuerst die Untugenden, Laster und Frevel verstehen, welche dem wahrhaft Bösen vorausgehen. Dennoch ergibt sich das Gute keineswegs aus der Abwesenheit des Bösen. Die Menschen hätten noch keine einzige Tugend erworben, wenn sie sich aller ihrer Laster entledigt hätten. Aber die Welt wäre erträglicher, wenn sie auf einige Unsitten, Untaten und Sünden verzichten würden. Manche Wege zum Bösen wären versperrt, würden sie sich von ihrer Gleichgültigkeit, Trägheit und Feigheit, ihrer Torheit und Hoffnung, ihrem Hochmut und ihrer Unterwürfigkeit verabschieden. Die Kritik der Laster hilft zu verstehen, was Menschen tun, empfinden und erleiden, wenn sie unmoralisch sind.

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Neu: Privatheit – Inhaltsverzeichnis

Privatheit – Inhalt

br., 156 Seiten, 9,80 €
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform
London/Leipzig/Wroclaw
erhältlich weltweit bei amazon

Privatheit – Inhalt:

1. Ein Tag im Leben der Familie B.; 2. Spuren: Archiv – Im Tumult der Zeichen; 3. Herrschaft und Privatheit: Totale Kontrolle – Demokratische Repression – Recht und Verbot; 4. Rückblicke: Lob der Grenze – Rom, Renaissance, Revolution – Anstalten der Disziplin; 5. Freiheit und Privatheit: Angreifer – Verdichtung, Anonymität – Lob der Privatheit ; 6. Reservate des Individuums : Haut und Berührung – Personaler Raum, Besitzreservat – Verletzungen, Verunreinigungen – Etikette, Höflichkeit – Verhaftung, Visitation; 7. Geheimnisse des Körpers: Scham – Sex – Drogen – Schmerz, Freitod – Ermittlung, Enthüllung – Nacktheit – Biopolitik; 8. Private Räume: Das „traute Heim“ – Intimität – Auto – Transparenz, Wanzen, Kameras – Verbrechen, Durchsuchung, Razzia; 9. Eigentum: Lob des Eigentums – Tausch, Ungleichheit  ─ Kritik der Steuer; 10. Informationen, Daten: Maskeraden des Selbst – Mitwisser, Verräter – Denunzianten, Voyeure – Indiskretion, Klatsch – Sozialdaten – Sicherheitsdaten – Arbeits- und Kundendaten; 11. Gedankenfreiheit: Innere Unfreiheit – Im Käfig der Loyalität – Indoktrination – Sucht – Politik des Geistes – Gedächtnispolitik – Redefreiheit – Kritik der Religion – Unmündigkeit; 12. Verteidigung des Privaten: Reaktionen – Barrieren – Ideologie – Öffentlichkeit, Protest – Diskretion, Konspiration; Adnoten

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Richard Wagner: Drei Undinen

Wolfgang Sofsky
Richard Wagner: Drei Undinen

Wagners Tetralogie „Ring des Nibelungen“ beginnt bekanntlich in den Tiefen des Rheins, wo in Es-Dur der Strom dahinfließt wie am Anfang aller Tage. „Die Höhe ist von wogendem Gewässer erfüllt, das rastlos von rechts nach links zu strömt. Nach der Tiefe zu lösen die Fluten sich in einen immer feineren feuchten Nebel auf, so daß der Raum in Manneshöhe vom Boden auf gänzlich frei vom Wasser zu sein scheint, welches wie in Wolkenzügen über den nächtlichen Grund dahinfließt,“ heißt es in der Anweisung des Komponisten. Auf einmal tauchen, nach 136 Takten, die drei Undinen auf, Woglinde, Wellgunde und Floßhilde geheißen, und schwimmen anmutig im Wasser umher, den Goldschatz hütend, necken, entweichen, erhaschen einander in flutender Flut und singen mit muntrem Gekreisch – bevor der Zwerg Alberich erscheint – auf dem Grunde der Welt:

WOGLINDE
Weia! Waga! Woge, du Welle,
walle zur Wiege! Wagalaweia!
Wallala, weiala weia!
WELLGUNDE
Stimme von oben
Woglinde, wachst du allein?
WOGLINDE
Mit Wellgunde wär‘ ich zu zwei.
WELLGUNDE
taucht aus der Flut zum Riff herab
Lass sehn, wie du wachst!
sie sucht Woglinde zu erhaschen
WOGLINDE
entweicht ihr schwimmend
Sicher vor dir!
Sie necken sich und suchen sich spielend zu fangen
FLOSSHILDE
Stimme von oben
Heiaha weia! Wildes Geschwister!
WELLGUNDE
Flosshilde, schwimm‘! Woglinde flieht:
hilf mir die Fliessende fangen!
FLOSSHILDE
taucht herab und fährt zwischen die Spielenden
Des Goldes Schlaf hütet ihr schlecht!
Besser bewacht des schlummernden Bett,
sonst büsst ihr beide das Spiel!
Mit muntrem Gekreisch fahren die beiden auseinander. Flosshilde sucht bald die eine, bald die andere zu erhaschen; sie entschlüpfen ihr und vereinigen sich endlich, um gemeinschaftlich auf Flosshilde Jagd zu machen. So schnellen sie gleich Fischen von Riff zu Riff, scherzend und lachend.

Den Beginn des „Rheingold“ sowie alle folgenden Szenen sind in dem Film zu sehen, der die Jahrhundertaufführung von Boulez/Chéreau anno 1976 in Bayreuth dokumentiert: https://www.youtube.com/watch?v=3ZP-yXsNV2E  Obwohl die drei Undinen schon ziemlich festen Boden unter den Füßen haben, sie tauchen an einer Art Geländer auf einer Staumauer oder einer Schleuse auf, erkennt der aufmerksame Hörer,  wie die Welt des Weltendramas sich klärend aus dem Nebel entsteht und es keiner einzigen Modulation bedarf, damit im gewaltigen Strom endlich alle Ereignisse dahinfließen. Die Nymphen indes sind schon da, bevor sich die Nebel lichten.

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W.B.Yeats: The Mermaid

Wolfgang Sofsky
W.B.Yeats: The Mermaid

Kleines Dilemma der Undinen-Existenz: Als seelenloses Wesen erlangt die Wasserfrau nur Unsterblichkeit, indem sie sich einem Liebsten menschlicher Gattung anvermählt. Doch indem sie ihn, lachend vor Liebesglück, ins tiefe Wasserreich hinabzieht, ertrinkt er, und sie bleibt seelenlos – und sterblich. Sie tötet, den sie liebt, und sie bleibt, die sie ist.

“A mermaid found a swimming lad,
Picked him up for her own,
Pressed her body to his body,
Laughed; and plunging down
Forgot in cruel happiness
That even lovers drown.”

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J.W.v.Goethe: Der Fischer

Wolfgang Sofsky
J.W.v.Goethe: Der Fischer

1779 nahm J.G.Herder Goethes Ballade vom „Fischer“ in die „Volkslieder nebst untermischten anderen Stücken“ auf. Das Poem erzählt von einem, der sich in das Netz der Verführung verspricht, so daß es ihn zuletzt in den Abgrund zieht. Eckermann berichtet späterhin, der Dichter habe, womöglich ihn Vorahnung puritanischer Bestrebungen 240 Jahre später, den Sinn der Sache stark heruntergespielt: „Es ist ja in dieser Ballade bloß das Gefühl des Wassers ausgedrückt, das Anmutige, was uns im Sommer lockt, uns zu baden; weiter liegt nichts darin.“ Nur hintersinnige Geister, die um der Nixen und Undinen Treiben wissen, dürften in der Vereinigung mit dem Element Wasser eine Anspielung auf weibliche Verführung, auf das Spiel von Sehnsucht und Erfüllung, Eros und Tod, von Hingabe und Selbstauflösung erkennen. Die naturdämonische Bedeutung war einem Geistergelehrten wie Goethe natürlich geläufig. Nicht umsonst placierte er die Verse vom Fischer in späteren Ausgaben neben dem „Erlkönig“.

Der Fischer

Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor;
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
„Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach, wüsstest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feucht verklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ewgen Tau?“

Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,
Netzt’ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.

© WS 2018